„Bautzen, den 6. April 1950
Deutsche Männer und Frauen!
Zum zweiten Male rufen wir Euch, rufen wir jeden, der
noch Anspruch auf die Bezeichnung Mensch erhebt, aus dem
gelben Elendsbau in Bautzen um Hilfe. Erhört unseren
dringenden Notschrei, denn wir haben nach der Absendung
des ersten Berichtes Furchtbares erlebt!
Am 31. März, an dem wiederum von Tausenden unschuldiger
Menschen in ihrer Angst vor dem Hunger, vor der
Tuberkulose, in ihrer unermeßlichen seelischen Qual und
Ungewißheit um das Schicksal ihrer Angehörigen ein
Notschrei aus der äußersten Verzweiflung in die
Öffentlichkeit hinausgeschrien wurde, wurden wir von der
Meute der entmenschten Volkspolizei mit grausamster
Brutalität niedergeschlagen.
Alte und Junge, Kranke und Invaliden. Opfer des
Faschismus und Kriegsversehrte wurden derart mit
Gummiknüppeln, Koppeln und Fußtritten bearbeitet, daß
Hunderte mit schweren Kopfverletzungen, Knochenbrüchen,
Blutergüssen und Verrenkungen darniederliegen. Die
entmenschten Polizisten, die auch diesmal unter dem
Kommando von Polizeirat Schulz standen und die durch
Hinzuziehung einer an der tschechischen Grenze
stationierten Alarmeinheit verstärkt worden waren, gingen
bei dieser blutigen Aktion vollkommen planmäßig vor, indem
sie jeweils in einen abgeschlossenen Saal eindrangen - in
dem bis zu 400 Mann auf kleinstem Raum zusammengepfercht
leben müssen - und dort in der allerbrutalsten, gemeinsten
Art und Weise die Kranken, von Hunger geschwächten,
wehrlosen Menschen durch die Gänge trieben, zur Tür
hinausprügelten und die Treppe hinunterstürzten.
Selbst die diensthabenden Gefängnisärzte, die sich
schützend vor die Gefangenen stellten, wurden
rücksichtslos mit Gummiknüppeln niedergeschlagen, dann
tobte sich der ‚Mut‘ der blauen Banditen selbst an den
Schwerkranken in viehischer Weise aus. Die Hilfeleistung
der Saalärzte an bewußtlos im Saal und auf der Treppe
liegenden Inhaftierten wurde von Polizeirat Schulz mit der
satanisch-zynischen Bemerkung begleitet „Laßt die Hunde
verrecken!“
Man darf die Anzahl der Verletzten mit etwa zwei
Drittel der Gesamtbelegschaft annehmen.
Noch einmal, unter diesen Bedingungen vielleicht zum
letztenmal, rufen wir die ganze zivilisierte Welt, wenden
wir uns an die Gerechtigkeit und Menschlichkeit einer
demokratischen, besseren, freien Welt, noch einmal
entrollen wir vor der Öffentlichkeit die Vorgänge von
Bautzen.
Nachdem in den ersten Tagen des Februar d.J. die
deutsche Verwaltung das Gefangenenlager Bautzen übernommen
hatte, in dem etwa siebentausend Unschuldige schmachten,
begann sie ihr Regime mit einer Kürzung der
Lebensmittelrationen. Die Verpflegung bestand nun:
Frühmorgens aus heißem Wasser mit vereinzelten Nudeln,
mittags aus einer Futterrunkelbrühe, eingesäuerten
Mohrrüben oder Kartoffelschalensuppe mit Sauerkrautfäden.
Die Tuberkulose, die schon vorher als Schreckgespenst vor
den Häftlingen gestanden hatte, wütete mit jedem Tage
stärker, Medikamente waren praktisch nicht vorhanden, die
sanitären Einrichtungen in einem Zustande, der es jedem
erlaubte, sich auszurechnen, wann er dem würgenden Tod
oder dem Hunger zum Opfer fallen würde.
Wie unsagbar schlecht, wie katastrophal die sanitären
Zustände und der Gesundheitszustand der Häftlinge waren
und sind, geht wohl am eindeutigsten aus der traurigen
Tatsache hervor, daß bei der Übernahme des Lagers kein
Amtsarzt sich bereit erklärte, weder Behandlungen und
Betreuung noch etwa gar die Verantwortung für diese
sechstausend zum größten Teil schwerkranken,
behandlungsbedürftigen Insassen zu übernehmen, und daß
selbst heute noch die ärztliche Behandlung allein in den
Händen von gefangenen Ärzten liegt, denen lediglich ein
Sanitätswachtmeister beigegeben ist.
Schwebt den Amtsärzten der DDR vielleicht das Schicksal
der Ärzte in den ehemaligen Konzentrationslagern der Nazis
vor Augen?
Die Volkspolizei sperrt die Post; die
Zeitungslieferungen wurden eingestellt; jede kulturelle
Betätigung innerhalb der einzelnen Säle ist verboten.
Wir Häftlinge wurden als Verbrecher beschimpft, die
Zählungen in Kehrtstellung durchgeführt.
So wurde die Belegschaft des Lagers ganz systematisch
in eine Angstpsychose hineingetrieben, die sich noch ganz
erheblich steigerte, als selbst sechs Wochen nach der
Übernahme durch die deutschen Organe sich keiner der
zuständigen Offiziere oder Verwaltungsbeamten dazu hatte
bewegen lassen, auch nur mit einem Wort sich über die
rechtliche Lage der Inhaftierten zu äußern.
Die Saalältesten und die Vertrauensleute wiesen immer
und immer wieder in dringlichen Meldungen und
beschwörenden Appellen die verantwortlichen Stellen auf
diese Angstpsychose vor Hunger und Tbc hin. In
wiederholten Schreiben baten sie den Kommandeur, doch mit
einigen aufklärenden Worten über den Fortgang der Dinge
diese seelisch vollkommen zugrunde gerichteten Menschen zu
beruhigen. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, daß die
jahrelange unmenschliche Haft mit ihren grausamen
Bedingungen die Menschen vollkommen seelisch zermürbt und
zerstört hatte.
Es war alles vergebens; es rührte und regte sich
nichts. Hunger, Tbc und seelische Qualen trieben die
Menschen zum Äußersten. Am 13. März rissen sie die Fenster
auf und schrien ihre Not, ihre Angst und ihr Elend,
schrien damit aber auch zugleich die Schande und die
Schmach dieses Regimes in die Öffentlichkeit.
Diese Rufe mußten den Machthabern grausam in den Ohren
gegellt haben, denn schon am nächsten Tage gaben
Inspektoren, hohe Offiziere, Verwaltungsbeamte und
Minister einander die Türklinke in die Hand, und am 16.
März erschien in den einzelnen Sälen eine
deutsch-russische Offizierskommission. Während die
russischen Offiziere lediglich die Versicherung abgaben,
nicht nur in Karlshorst, sondern auch den Herren Pieck und
Grotewohl unsere Lage eingehend zu schildern und eine
Klärung herbeizuführen, versprachen die deutschen
Polizeioffiziere - vor allem der traurig berüchtigte
Polizeirat Schulz - das Blaue vom Himmel. Aufbesserung der
Verpflegung, Verlegung der Jugendlichen,
Arbeitsmöglichkeit für alle, Erneuerung der Bekleidung,
sofortige Postzustellung, die Möglichkeit zu schreiben und
unbeschränkt Pakete zu empfangen, Zahnbürsten, Kämme,
Seife sollten ausgegeben werden usw. Bautzen schien sich
mit einem Male in ein Erholungslager verwandeln zu wollen.
Wer aber die Herren bei ihren Versprechungen ansah, konnte
ihnen die befohlenen und bewußten Lügen vom Gesicht
ablesen, und am deutlichsten dokumentierte sich die Wut
und Angst in den Worten des Polizeirats Schulz: „Sie
sollen alles haben, aber schreien Sie um Gottes willen
nicht wieder.“
Wir Häftlinge schrien nicht wieder. Wir hatten
Verständnis mit verwaltungstechnischen Schwierigkeiten,
wir waren auch nicht so gemein wie unsere Wärter; denn wir
glaubten - sogar nach all den Jahren der Gemeinheiten und
der Quälereien - an das Wort eines deutschen Beamten.
Aber wiederum geschah gar nichts. Das Hungern ging
weiter, Tuberkulose herrschte, die Lage verschärfte sich
noch, als deutsche Volkspolizisten von den Wachtürmen
herab Anschlagübungen auf uns Inhaftierte vornahmen, als
das Essen sich von Tag zu Tag noch mehr verschlechterte
und als laufende Neuzugänge die qualvolle Enge noch
steigerten, die Seuchengefahr vergrößerten.
Diese armen Opfer, diese schwer Tuberkulosekranken,
wurden auf offenen Lastwagen hier eingeliefert, so daß bei
der Ankunft schon ein Toter zu beklagen war und am
gleichen Tage noch zwei Inhaftierte verstarben.
Wieder waren es die Gefangenen selbst, die in
zahlreichen schriftlichen und mündlichen Gesuchen um eine
Unterredung mit einem der verantwortlichen Männer
nachsuchten. Nichts geschah. Zum erneuten Male wurden die
Menschen in einen Zustand getrieben, der ihnen den
Genickschuß oder die Gaskammer als humanitärer, weil
schnellere und schmerzlosere Methoden erscheinen ließ!
Um alle, aber auch restlos alle Möglichkeiten
auszuschöpfen, wendeten sich die einzelnen Säle sogar an
die höchsten Stellen in der DDR, unabhängig voneinander
richteten sie auf dem Dienstwege an die verschiedenen
Regierungsstellen der DDR Gesuche und baten um Abstellung
der unmöglichen - weil zum Tode von tausenden Unschuldiger
führenden - Zustände; baten um Klärung ihrer rechtlichen
Stellung und vor allem um ein ordentliches
Gerichtsverfahren, das ja nur ihre Unschuld beweisen
konnte.
Als wiederum Tage und Wochen vergingen, ohne daß das
Geringste erfolgte, genügte nunmehr eine Geringfügigkeit,
um aus dieser Situation eine spontane Kundgebung
hervorgehen zu lassen.
Am 31. März d.J. schlug dann die Verzweiflungsstimmung
um, wehrten sich die Tausende gegen den immer näher
rückenden Würgeengel Tbc und den Hungertod, schrien sie
zum zweitenmale ihre Angst, Not und Pein in die Welt
hinaus.
Am Mittag hatte man uns wieder eine stinkende dünne
Runkelbrühe vorgesetzt; zu gleicher Zeit ‚durfte‘ jeder
Häftling eine Karte mit dem vorgeschriebenen Text
schreiben: ‚Liebe(r)...! Teile Euch mit, daß Ihr mir
innerhalb acht Wochen einmal schreiben könnt und auch ich
Euch in dieser Zeit einmal schreibe. Besuchs- und
Paketempfang zur Zeit noch nicht gestattet. Herzlichen
Gruß!...‘
Dieser neue Wortbruch, diese neue Gemeinheit führte
endlich zu den Vorgängen des 31. März.
Wiederum wurden spontan die Fenster aufgerissen,
wiederum gellten die tausendfachen Schreie und Sprechchöre
den Kerkermeistern und Henkersknechten entgegen, wiederum
schrien 6.000 gequälte, halbverhungerte Menschen all ihre
Not in eine Welt, von der allein sie sich Hilfe
versprachen!
Und wenn auch weit über die Hälfte aller Häftlinge
diesen Hilfeschrei mit schweren Verletzungen, mit
Schmerzen und mit Blut bezahlen mußten, wenn auch die 172
Volkspolizisten mit ihren 16 Offizieren in Gegenwart
höchster, goldbetreßter Herren, die sich dieses erhebende
Schauspiel nicht entgehen lassen wollten, ihren Mut
bewiesen und uns wehrlose Menschen derartig
zusammenschlugen, daß noch heute die Opfer mit
ausgeschlagenem Auge, bewußtlos und der Sprache beraubt
mit zerschlagenen Knochen darniederliegen, ja, selbst wenn
noch einige von uns diesen Einsatz mit ihrem Leben
bezahlen müßten, da sie bei dieser Behandlung und Kost
kaum den Blutverlust ersetzen können, so haben wir, so hat
die gesamte Welt doch das Angesicht dieses Regimes als
Fratze des Teufels erkannt.
Die Repräsentanten dieser Schandrepublik der DDR selbst
stürmten mit Gummiknüppeln in der Hand die Säle und
Zellen, in denen die Häftlinge ruhig auf ihren Pritschen
saßen, sie selbst knüppelten alte, weißhaarige Männer
nieder; sie schrien ihren Männern immer wieder zu:
„Schlagt vor allem die Jugendlichen zusammen! Schlagt die
Verbrecher tot!“
Freie Menschen in Deutschlands Westen! Wenn Ihr nur
einen Blick in unsere Säle hättet werfen können, nur einen
einzigen Blick während dieser schmachvollen Vorgänge, wenn
Ihr gesehen hättet, wie alte Männer, die ein Lebensalter
schon im Dienste der Gemeinschaft standen oder für die
sozialistische Bewegung sich eingesetzt hatten, nicht nur
körperlich, sondern auch seelisch vollkommen
zusammenbrachen, als sie von 18- bis 20jährigen politisch
zuverlässigen Bestien den neuen Sozialismus eingeprügelt
bekamen, wenn Ihr gesehen hättet, wie man die Kranken von
den Liegestätten herunterwarf und blindwütig mit
Gummiknüppeln auf sie einschlug, dann würdet Ihr, freie
Menschen, mit grenzenlosem Entsetzen und namenloser
Empörung vor diesem Verbrechen stehen, vor diesem
Verbrechen gegen die Menschlichkeit, begangen fünf Jahre
nach der Beseitigung des Regimes, dessen es würdig wäre.
Genossen und Parteifreunde!
Deutsche Menschen diesseits und jenseits der Grenzen!
In unserer namenlosen Verzweiflung und Not wenden wir uns
an Euch, wir wenden uns an alle Parteien und
Organisationen! An die kirchlichen Verbände und
Religionsgemeinschaften!
Wir wenden uns an den Kampfbund gegen die
Unmenschlichkeit und das Ministerium für
Wiedervereinigung!
Wir wenden uns an das Rote Kreuz und die Liga für
Menschenrechte!
Wir wenden uns an alle Demokraten, an alle Menschen in
einer freien Welt: Hört unseren Schrei!
Hört den Schrei der 6.000 gequälten und hungernden
Gefangenen, die in Euch ihre allerletzte Hoffnung sehen,
die von Euch Rettung für sich und ihre Familien ersehnen.
Hört uns und helft uns! Helft den Tausenden von
Unschuldigen, die als Opfer einer blutigen Tyrannei schon
20.000 ihrer Kameraden in der Erde verscharren mussten!
Hört uns, Genossen der SPD! Tausende Eurer Genossen
wurden von den Banditen der Einheitspartei ermordet, hört
die Überlebenden und helft ihnen.
Hört uns, Freunde der CDU, LDPD! Eure besten Mitglieder
sind es, die hier brutal und systematisch zu Tode gequält
werden, weil sie es gewagt hatten, für ihre Partei
einzutreten!
Hört uns, ihr Menschen jenseits der deutschen Grenze!
In der allerhöchsten Not schreien wir zu Euch! Schon
einmal habt Ihr Legionen Unschuldiger, Gequälter vom Tode
errettet, duldet nicht, dass zum zweiten Male
unersättliche Machtgier, niedrigste animalische Instinkte
und teuflische Mordlust sich an aufrechten Menschen
austoben! Menschen in allen Ländern! Erhört uns! Prangert
diese Verbrecher und ihre viehischen Willkürakte an!
Ruft durch Eure gesamte Presse die anständigen Menschen
auf zum Kampf gegen dieses Untermenschtum!
Schickt unseren Schrei der Not und Verzweiflung durch
Draht und Radio durch alle Welt!
Genossen! Freunde! Menschen! 6.000 beschwören Euch!
Hört den Aufschrei dieser Gemarterten!
Jeder Tropfen Blut, der hier vergossen wurde, muß
brennen im Gewissen der Menschheit, muß brennen als
Schandfleck eines Blutregimes! Duldet nicht länger, daß
Verbrecher und Mörder ihre sadistischen Triebe an
Unschuldigen austoben! Laßt es nicht zu, daß nach der
braunen jetzt die rote Diktatur mit denselben Methoden
jede Menschlichkeit niederknüppelt und finsteres
Mittelalter nochmals zur Herrschaft gelangt!
Erhört unseren Notschrei! Hört ihn, alle, die Ihr noch
Menschenantlitz tragt und die Ihr noch einer menschlichen
Regung fähig seid! Hört und helft uns. Legt diesen
Unmenschen, legt diesem Blutregiment das Handwerk! Genug
des unschuldig vergossenen Blutes! Genug der Opfer, die im
Kampfe gegen Willkür und Diktatur, gegen Sklaverei und
Knechtschaft fielen! Genug der Opfer, die hinter
Stacheldraht in elenden Baracken, in Zellen und
Gaskammern, in Konzentrationslagern hingemordet wurden!
Genug der Opfer, die Hunger, Seuchen und Tuberkulose
grinsend hinwegrafften! Genug der unschuldigen Toten!
Nicht mehr Tod und Vernichtung, Leben und Aufbau sollen
regieren!
Wir rufen die gesamte zivilisierte Welt! Wir wollen
nicht dem Hunger und der Tuberkulose zum Opfer fallen!
Wir wollen nicht langsam verrecken wie hilfloses Vieh!
Wir rufen die freien Menschen in aller Welt!
Wir wollen arbeiten, aufbauen, leben!
Wir wollen der Freiheit in der ganzen Welt zum Siege
verhelfen!
Erhört uns, Brüder und Schwestern in der ganzen Welt!
Helft uns!“
Der
Brief aus Bautzen ist abgedruckt bei: Dieter Rieke
(Hrsg.), Sozialdemokraten als Opfer im Kampf gegen die
rote Diktatur. Arbeitsmaterialien zur politischen Bildung,
Bonn 1994, S. 37 - 41.