Bautzen-Komitee e.V.

 

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   Bodo Walther

G'tt, mein G'tt, verlass mich nicht. Es ist Herbst 1984 und ich bin in Cottbus in der Justizvollzugseinrichtung. Ein „Erststrafer“ bin ich nicht mehr. Ich bin zum zweiten mal im Gefängnis. Die Träume um einen baldigen Freikauf in den Westen sind verflogen. Solche kursieren nur unter Erststrafern. Du, mein G'tt, hattest mich nach der ersten Haft wieder in die DDR schicken lassen. 20 Monate hatte ich abgesessen und gewartet. Und gehofft und geschrieen zu Dir. Erbarme Dich meiner und hilf mir! Schau, ich will handeln mit Dir. Ich habe nicht viel, was ich Dir versprechen könnte. Aber Kaiser und Könige. Herzöge und Grafen hatten ja auch nichts Besseres als das, was ich Dir gelobe: Nach Jerusalem will ich ziehen, noch in dem Jahr, in dem ich nach dem Westen komme. In Deiner Stadt will ich Dir danken. Noch in dem Jahr, in dem Du mich erhörst. Ganz unten bin ich. Geht es noch tiefer? Was sagst Du G'tt? Natürlich gehe es tiefer?

Ich rücke wieder zur Zwangsarbeit aus. Die Metallstanzen dröhnen und schlagen ihre Teile aus den Blechen. Die Gehäuseteile für die Kameras wollen hergestellt sein. Eine geschäftstüchtige Frau in Fürth bei Nürnberg wartet schon auf die neuen Fotoapparate.

Meine rechte Hand schlägt auf den rechten Handknauf, meine linke auf den linken. Rums. Ich nehme das geölte Blech aus der Stanze, lege ein Neues ein. Rums. Die tonnenschwere Stanze schlägt zu. Sie schlägt nur zu, wenn ich mit beiden Hände gleichzeitig auf die Handknäufe schlage. Dann können meine Hände nicht unter der Stanze liegen. Die Stanze muss ja mitdenken. Sie muss auf meine Hände achten. Denn ich kann das nicht. Meine Gedanken sind weg, weit, weit weg. Rums. Und wieder. Das geölte Blech habe ich aus der Stanze genommen. Ein Neues habe ich eingelegt. Rums. Was für ein ohrenbetäubender Lärm.

Das Essen ist schlecht. Keine Klagen, ich werde satt. Aber Obst gibt es kaum. Und die Vitamintabletten, die Mutter mitgebracht hat, tun’s auch nicht. An die Luft komme ich auch nur eine Stunde am Tag. Rums. Das geölte Blech aus der Stanze ..., ein Neues ... Rums. Meine Hände sind erst rot. Dann platzen sie auf. Aus dem aufgeplatzten Fleisch beginnt es zu nässen. Von Kindesbeinen an kenne ich das. Von Vater habe ich das geerbt, er hat's von Großmutter. Rums. Das geölte Blech.... Rums. Der Sanitäter schreibt mich drei Tage krank. Dann gibt er mir Salben und wickelt meine Hände in Binden und ich soll mich wieder an die Stanze stellen. Nein, ich gehe nicht an die Stanze. Du sagst, G'tt, dass es noch tiefer gehe? Und wenn! Ich habe mich um meine Verurteilung gezankt, bis hinauf zum Obersten Gericht der DDR. Sie haben die Strafe von zwei Jahren auf 18 Monate abgesenkt. Neun Monate war ich in Untersuchungshaft. Zwei Monate bin ich jetzt hier. Es sind „nur noch“ sieben Monate Haft. Sieben Monate werde ich schon irgendwie überstehen.

Nein, ich gehe nicht an die Stanze und deshalb werde ich zurück auf die Zelle geführt. „Sachen zusammenpacken“, „Arrest“, „Arbeitsverweigerung“, „ 21 Tage Arrest“. Eckhard ist an diesem Tag ebenfalls auf Zelle geblieben. Er sagt, er wisse nicht warum. Dass er an diesem Tag nach Chemnitz verlegt werden wird und von dort nach dem Westen geht, werde ich später erfahren. Es ist möglich, dass Eckhard es selbst noch nicht recht glauben kann. Er ist ja auch zum zweiten mal drin. Eckhard ist einer von den „Harten“. Eckhart hatte zu seinem achtzehnten Geburtstag, dem Tag seiner Volljährigkeit einen Ausreiseantrag gestellt. „Wer das nicht macht,“ - hatte er auf der Zelle gesagt, - „wer mit 18 nicht sagt, dass er raus will aus diesem Saustall, der gehört da rein.“ Der harte Eckhard sieht mich lange an. „Ich war mir nie recht schlüssig, ob ich Dich zu den Weicheiern zählen sollte.“ - sagt er. - „Aber ich glaube, Du kannst das.“ Im Folgenden werde ich zu meiner Überraschung in etwas eingeweiht. Eckhard sagt mir, was jetzt zu tun ist. „Sieben Tage musst Du durchhalten.“ - sagt er. - „Dann werden sie nachgeben, weil sie Dich sonst nach Bautzen fahren müssen, zur Zwangsernährung. Darüber müssen sie ein Protokoll schreiben, Rechenschaft ablegen. Sie müssen auf das Warum antworten und auf das Wieso. Das würde ihrer Ruhe schaden - und ihrem Bauchspeck.“

Als der Schließer mich holt, bin ich nicht mehr ganz so niedergeschlagen. Dass ich nichts essen wolle, verkünde ich dem Gefängnis-Aufseher im Arrest gleich als er das Abendbrot auf Zelle bringen lässt. Ich sage es mit fast gelöstem Gesicht. „Tigerkäfig“ heißt die Arrestzelle, in der ich jetzt ganz allein bin. Der Name kommt von dem Gitter, der den hinteren Zellenbereich vom vorderen Teil trennt. Im vorderen Teil ist das Waschbecken befestigt, gleich neben der schweren Zellentür. Neben dem Waschbecken ist das Klo. Es ist ruhig hier, wunderbar ruhig. Die Tigerkäfig-Wand hat auch eine Tür. Sie ist, wie die Käfig-Wand auch, ein Gitter. Das Gitter besteht aus festen, etwa einen Zentimeter dicken, stählernen senkrechten Stäben. Diese verlaufen durch stählerne waagerechte Querbänder oben, unten und in halber Höhe der Zelle. Es ist ein Gitter wie an einem Tigerkäfig halt. Wenn die Gittertür geschlossen ist, komme ich nicht mehr an das Waschbecken heran. Das ist ab der Nachtruhe immer so. Erst morgens wird die Gittertür wieder geöffnet. Dann klappe ich die Pritsche im hinteren Zellenteil hoch und der Arrest-Aufseher schließt sie fest. Erst am Abend kann ich mich wieder darauf legen. Schikane würde ich das nicht gleich nennen. Es ist eher dem Ruhebedürfnis der Aufseher geschuldet. „Ihrem Bauchspeck,“ - wie Eckhard gesagt hat. Sie wollen uns am Tag wachen und in der Nacht schlafen sehen. In der Nacht. Wenn nur einer von ihnen Wache schiebt und eigentlich selbst schlafen will. In der Nacht.

Dass ich nichts esse, habe ich schon gesagt. „Wer nichts isst, braucht auch nichts zu trinken.“ - sagt der dicke Arrest-Aufseher und versucht drohend zu grinsen. Dann schließt er die Gittertür. Er schließt sie am Tag, nicht nur in der Nacht. Wem die Gittertür verschlossen ist, der kommt nicht mehr an das Waschbecken heran. Außer...

Was zu tun war, habe ich getan. Die Klobürste kann ich mit einem Griff durch die Gitterstäbe erreichen. Der Waschlappen hängt über dem Rand des Waschbeckens. Der Wasserhahn ist nur ganz locker geschlossen, gerade so, dass er nicht tropft. In der Nacht, genauer um Mitternacht, wenn nur einer von ihnen Wache schiebt, werde ich trinken.

Jetzt ist Mitternacht. Oder jetzt muss wohl Mitternacht sein. Der Arrest-Aufseher hat eben durch das Loch in der dicken Zellentür geschaut. Er hat kurz das Licht angeknipst und wieder aus. Seine Schritte verhallen. Sorgfältig und langsam in dem fast dunklen Raum angle ich mit dem Stiel der Klobürste den Waschlappen durch das Gitter zu mir herein. Jetzt habe ich ihn am Stiel befestigt. Nun stoße ich den Klobürstenstiel mit dem Waschlappen daran durch das Gitter und den Wasserhahn auf. Jetzt saugt sich der Waschlappen voll Wasser. Ich stoße den Wasserhahn zu. Jetzt ziehe ich den Waschlappen durch das Gitter zu mir herein. Trinken - ich sauge ihn aus. Dann werde ich noch einmal den Klobürstenstiel durch das Gitter schieben; und den Waschlappen vollaufen lassen; und ihn dann aussaugen. Dann mache ich das noch einmal und noch einmal. Trinken... Trinken... Jede Nacht. Um Mittemacht.

Am Morgen muss ich meine Zähne vor dem dicken Arrest-Aufseher mit diesem vergällten Wasser putzen. Dann muss ich auf die Waage steigen. Jede Nacht verliere ich ein Kilogramm. Und dass, obwohl den Stuhlgang zu lassen eine Qual ist. Ich habe getrunken, ja, aber viel zu wenig. Der Urin ist dunkel. Der Stuhlgang ist knochenhart. Aber er muss raus. Er muss raus. Obwohl das weh tut. „Darauf musst Du achten.“ - hatte Eckhard gesagt. Und: „Er wird jeden Tag härter werden.“

Jede Nacht werde ich weniger, ein Kilogramm jede Nacht. Es sind schon zwei Kilogramm, drei Kilogramm, vier Kilogramm, fünf Kilogramm... Du bist hier G'tt. Du kommst mir jede Nacht näher. Deine Nähe ist groß. Sie ist groß und warm und doch unheimlich. Nie warst Du mir so nahe, G'tt. Niemand solle sich wünschen, Dein Angesicht zu sehen, Dich zu versuchen. So haben es die Alten gelehrt: Wenn ich Dich sehen werde, werde ich sterben. Du bist hier G'tt. Für keine Zeit zuvor und keine Zeit danach in meinem Leben würde ich mir dessen so sicher sein. Du bist hier, wie Du am Anfang der Welt warst. Als Du das Wort warst und das Wort war bei Dir, denn Du warst das Wort. Das sage ich jeden Morgen vor dem Wecken. Etwa um fünf Uhr. Dazu lege ich meine verschränkten Hände auf den Boden, stelle meine Stirn davor und den ganzen Leib auf den Kopf. Die Beine verschränke ich über mir wie ein indischer Fakir. Dann beginne ich, wie der Evangelist Johannes begonnen hat. Das sage ich jeden Morgen:

„Im Anfang war das Wort. Und das Wort war bei G’tt. Und G’tt war das Wort. Dieses war im Anfang bei G’tt. Alles ist durch dasselbe geworden. Und außer durch dieses ist nichts von dem Entstanden geworden. In diesem war das Leben. Und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht schien in die Finsternis. Aber die Finsternis hat es nicht begriffen. Es war ein Mensch, gesandt war er von G’tt, der hieß Johannes. Er war nicht das Licht, sondern ein Zeuge des Lichtes. Denn das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, sollte in die Welt kommen. Es war in der Welt und die Welt ist durch es geworden. Aber die Welt hat es nicht erkannt. Es kam in sein Eigentum. Aber die Seinen nahmen es nicht auf. Die es aber aufnahmen, konnten sich durch das Licht als Gottes Kinder offenbaren. Kinder, die nicht aus dem Fleisch, noch aus dem Willen eines Menschen, sondern aus Gott geboren worden sind.“

„Runter !“- „Äh, hoch, aufstehen!“ - schreit der dicke Arrest-Aufseher, der eilig die dicke Zellentür aufgeriegelt hat. Und: „Wird's bald? Damit's schneller geht, was?“ Ich habe sechs Tage nichts gegessen. Vom Trinken weiß der dicke Arrest-Aufseher nichts. Und er weiß vielleicht auch nicht viel von G'tt. Außer vielleicht das mit dem sterben müssen. Das beginnt wohl mit dem Zusammenbruch des Kreislaufes. Damit hat er ja Recht. „Damit das schneller geht, was?“ schreit er und: „Wenn ich Dich noch einmal auf dem Kopf stehen sehe, dann ...“ Er droht mit seinem Gummiknüppel. Er ist ein eigentlich friedfertiger Mensch. Aber wenn einer seiner Arrest- Insassen umkippen würde, bekäme er Ärger. Davor hat er Angst. Angst soll er auch haben. Morgen ist der siebte Tag.

Der siebte Tag ist anders. Dass ich heute aus dem Arrest kommen werde und nicht erst in zwei Wochen, habe ich gewusst. Aber ich hatte gedacht, dass ... „Wir werden Sie nach Bautzen bringen“, - sagt der Leutnant, der den Arrest leitet und blickt grimmig: „Ins Haftkrankenhaus. Dort wird man auf Ihre Gesundheit achten.“ Der kleine Lieferwagen vom Typ „Barkas“ mit den vier kleinen Zellen im Wagenaufbau ist leer. Das heißt: Er ist fast leer. Denn natürlich sitze ich in einer der Zellen. Erkennen kann ich nichts von dem, was an uns vorüber rast. Die Lüftungsritze gestattet kein Hinausschauen. Bäume werden es wohl sein; oder Häuser; mit Menschen. Es währt unendlich lange, bis wir in Bautzen ankommen werden. Es währt bis spät in den Abend. „Woll'n’se was essen ?“ - fragt der Beifahrer und der Fahrer sagt: „Der doch nicht.“ - „Trinken ?“ Ich nicke und schlürfe den Tee in mich hinein.

Dann stehe ich, mit dem Gesicht zur Wand, irgendwo in Bautzen in der Aufnahme des Haftkrankenhauses. Es ist spät in der Nacht und sie führen mich in eine Einzelzelle; die ist groß. Wenn die Gitter im Fenster nicht wären und jetzt nicht Nacht wäre, wäre sie sogar licht. Ich liege in einem reinlich bezogenen Bett in himmlischer Ruhe und falle in einen tiefen Schlaf.

„Bleiben Sie liegen!“ sagt am nächsten Morgen die Frau Oberleutnant in ihrem weißen Kittel, als sie mit einem Schließer und einem Krankenhaus-Kalfaktor die Zelle betritt. „Ich bin verpflichtet, Sie am Leben zu erhalten.“ - sagt sie. „Das hier ist eine leichte Kost. „ - dabei deutet sie auf einen Teller Grießbrei, den der Kalfaktor auf einen Tisch am Bett abstellt. „Wenn Sie das bis Mittag nicht gegessen haben, werden wir Ihnen diesen Schlauch in die Speiseröhre einführen“ Sie deutet auf eine Ansammlung von Schläuchen und Glastrichtern, die der Kalfaktor mit dem Essenwagen in die Zelle geschoben hat. „Sie werden nicht anders können, als ihn schlucken. Dann werden wir Sie zwangsernähren“. Noch einmal zeigt sie auf die Folterwerkzeuge. „Das alles ist sehr schmerzhaft.“ Die Beschwerden an meinen Händen interessieren sie nicht. Meine Hände sind auch nicht rot, sondern kalkweiß. Das aufgeplatzte Fleisch nässt nicht, es ist eingetrocknet; wie fast alles an meinem Körper. „Essen und trinken Sie“ - sagt die Frau Oberleutnant und: „Hautbeschwerden haben Sie keine.“

Sobald ich wieder allein in der Zelle bin, laufen mir die Tränen über die Wangen. Dann schiebe ich einen Löffel Grießbrei in mich hinein; und noch einen. G'tt ... Niemand solle sich wünschen, Dein Angesicht zu sehen. Dich zu versuchen. Wer Dich sieht, wird sterben. So lehren es die Alten. Ich bin in Bautzen. Ich bin unten, ganz unten. Breit. Was sagst Du, G'tt ? So schlimm sei es nicht im Bautzen des Jahres 1984? Und alles sei gut, was Du an mir gemacht hast, auch die Tränen? Ich bekäme jetzt zehn Tage Schonkost, Breie, Knäckebrote, Gemüse, dann ein bisschen Hühnerbrühe, Hühnerfleisch ... Es sei gut für mich, dass wir 1984 schrieben und nicht 1948, wo ich so etwas gewiss nicht überlebt hätte? Ich stünde auf wann ich will und legte mich nieder wann ich will? Wache oder schlafe wann ich will und dies in tadelloser Bettwäsche? Ausgenommen die Zählung vielleicht, am Morgen und am Abend. Da muss ich natürlich stehen. Ich bin so klein, G'tt, weißt Du? Ich bin unten. Ganz unten. Breit. Das ist nicht angenehm.

Nach zehn Tagen bin ich wieder aufgepäppelt. Deshalb gehe ich heute auf Transport, zurück nach Cottbus. Mit dem Rücktransport machen sie etwas weniger Aufwand als mit der Hinfahrt. In einem LKW der Marke W 50 bin ich mit weiteren sieben Mitgefangenen in einer der acht Zellen im hinteren Wagenaufbau eingeschlossen. Sie bringen uns auf einen Bahnhof. Von dort geht es mit der „Gefangenen-Transport-Einheit, GTE“ auf der Schiene weiter. „GroTewohl-Express“, so heißt der GTE in sachkundigen Kreisen. Er ist ein umgebauter Eisenbahn-Waggon mit vielen, vielen Zellen im Aufbau. Sie sind keinen Qudratmeter groß. Mit einem Berliner bin ich zusammen in einer der Zellen eingepfercht. Wir haben Glück. In machen Zellen stecken drei Gefangene. Er war ebenfalls im Haftkrankenhaus in Bautzen. Warum will er von sich aus nicht erzählen und er fragt auch mich nicht aus. Nicht zuviel zu fragen, das ist eine der Grundregeln in allen Gefängnissen dieser Welt. „Jetzt jeh’n ma erst ma nach Schwarze Pumpe.“ - sagt er. Und: „Kenn ick. War ick ooch schon ma länger.“ Brandenburg kenne ich auch, so sage ich. Und wir erzählen von den Kommandos.

Ewig dauert die Fahrt. Wir werden abgekoppelt; und wieder angekoppelt; und wieder Am späten Nachmittag sind wir im Straflager „Schwarze Pumpe“. In der Nacht bin ich wieder in Cottbus, erst mal auf der Zugangs-Zelle. Zu meinem Entsetzen bringen sie mich wieder in meine alte Zelle, in das Kommando „Stanze“. Nein, ich gehe nicht an die Stanze. Es sind „nur noch“ sechs Monate Haft. Die werde ich schon irgendwie überstehen.

Nein, ich gehe nicht an die Stanze und werde zurück auf die Zelle geführt. Sachen zusammenpacken. Arrest. Arbeitsverweigerung. Arrest. 21 Tage. Es ist kurz vor Weihnachten. Nein, eigentlich wollte ich nicht wieder hungern. Was hätte es für einen Sinn? Was will ich? Meine Hände sind gesund. Das Sinnesorgan Haut rebelliert ja gar nicht. Die Zeit werde ich überstehen. Sechs Monate sind etwas über 27 Wochen. Das sind 9 mal 21 Tage Arrest oder Unterbringung unter den anderen Arbeitsverweigerern. Irgendwie werde ich das schon überstehen.

Der „Tigerkäfig“ wird nachts geschlossen. Morgens wird die Gittertür wieder geöffnet. Dann klappe ich die Pritsche im hinteren Zellenteil hoch. Der dicke Arrest-Aufseher schließt sie fest. Wie langsam die Zeit rinnen kann. Es müssen etwas über zwei Wochen vergangen sein, als mich in der Nacht Hundegebell weckt. Sie sind nebenan. Sie sind mit den Hunden bei Markus in der Nachbarzelle. Markus ruft mir am nächsten Tag zu, was geschehen ist. Sie waren mit den Hunden drin. Sie haben ihn die ganze Nacht festgeschlossen, aufrecht am Tigergitter. An jeder Hand hatte er ein paar Handschellen. Diese haben sie am Gitter befestigt. Markus ruft, dass er hungern wird und ich überlege nicht lange. Gemeinsam hungert es sich immer besser. Dass ich nichts esse werde, sage ich bereits am Mittag. „Wieder mal ?“ - fragt der dicke Arrest-Aufseher, der die Gittertür schließt.

Die Klobürste erreiche ich in der Nacht. Mit einem Griff durch die Gitterstäbe. Ich werde es wieder hinbekommen. In der Nacht werde ich trinken. Der Leutnant, der den Arrest leitet, holt mich am dritten Tag. „Was wollen Sie erreichen?“ - fragt er. Und: „Dass Sie nicht mehr in die Produktion müssen? Dass Sie in die Küche kommen? Wir sind doch hier nicht bei „Wünsch Dir Was!“ Er sagt, dass sie mich halt nächste Woche wieder nach Bautzen bringen werden, er blickt noch grimmiger als vor einem Monat: „Sie kennen das Ja.“ Ich nicke und sage, dass es in Bautzen allemal schöner sei als hier. „Wegtreten!“ - brüllt er mich an. Ich gehe. Ich werde das schon hinbekommen. Doch schon am Nachmittag habe ich Zahnbürste, Waschlappen und Handtuch zu nehmen. Dann bringen sie mich weg. Wohin bringen sie mich? Sie führen mich auf eine ganz normale Zelle. Es ist natürlich ein Produktionskommando. Aber es ist ein anderes Kommando. Gusseiserne Teile werde ich mit meinen neuen Zellenkameraden am Tage abfeilen. Sie geben den Kernkörper her für eine Kamera. Eine geschäftstüchtige Frau in Fürth bei Nürnberg wartet schon auf die neuen Fotoapparate. Ich werde hier bleiben. Ich werde drei Tage trocken Brot essen, um meinen Magen an Nahrung zu gewöhnen. Und werde hier bleiben; vorerst.

 

 

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