Bautzen-Komitee e.V.

 

Home | Wir | Vorstand | Gelbes Elend | Mitteilungen | Gräberstätte | Totenbuch

 

Vortrag von Ulrike Groß, stellv. Leiterin Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg auf der Mitgliederversammlung des Bautzen-Komitee e.V. am 06.05.2009


Langjährige Erfahrung bei der Beratung ehemaliger politischer Häftlinge im Rahmen der Gedenkstättenarbeit in der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg



Sehr geehrter Herr Möller, lieber Alexander Latotzky, sehr geehrte Damen und Herren,

Ich freue mich, heute vor Ihnen bei der diesjährigen Mitgliederversammlung des Bautzen-Komitees sprechen zu dürfen.

Mein Name ist Ulrike Groß, und bevor ich zum eigentlichen Thema des Vortrages komme, möchte ich mich Ihnen kurz vorstellen, damit Sie mich besser einordnen können. Ich wurde ein halbes Jahr nach dem Bau der Berliner Mauer, im Jahr 1962, geboren und bin in einem Pfarrer-Elternhaus in der Altmark aufgewachsen. Von Ende der 60er bis Ende der 70er Jahre habe ich in der DDR die Schule besucht. Mit einem solchen Elternhaus hatte ich nicht die Möglichkeit, in der DDR Abitur zu machen. In den 1980er Jahren habe ich in einem handwerklichen Beruf im Druckereibereich gearbeitet. Das letzte Jahrzehnt der DDR habe ich als Erwachsene bewusst und intensiv erlebt. In meinem Freundeskreis gab es junge Menschen, die wegen versuchter Republikflucht oder wegen eines gestellten Ausreiseantrages in politische Haft kamen, und ich habe bereits damals Berichte von politischen Häftlingen, so sie wieder in die DDR entlassen wurden, über ihre Haftzeit gehört. Das Thema politische Haft in der DDR hat mich bereits in den 80er Jahren berührt und interessiert.

Die friedliche Revolution habe ich sehr intensiv und bewusst in Magdeburg miterlebt. Im Frühjahr 1990 war es dann möglich, dass Freunde von mir den Verein „Memorial Magdeburg“ gründeten und dass ich dort von Anfang an mitarbeiten konnte. Der Verein hatte sich zum Ziel gesetzt, Wissen über die Arbeit der Staatssicherheit der ehemaligen DDR zu erwerben und zu veröffentlichen und das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis in Magdeburg zu einer Gedenkstätte zu machen. Das ist noch im gleichen Jahr gelungen: Im Dezember 1990 beschloss die Stadtverordnetenversammlung der Landeshauptstadt Magdeburg, in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit der Bezirksverwaltung Magdeburg eine Gedenkstätte zu errichten und setzte zwei ABM-Mitarbeiter ein. Auch ich wurde in der Gedenkstätte tätig, zuerst ehrenamtlich und seit 1992 hauptamtlich, somit sind es jetzt schon mehr als 17 Jahre.

In Magdeburg gab es während der DDR zwei Gefängniskomplexe. Der größere in Magdeburg-Sudenburg hinter dem damaligen Bezirksgericht und der Bezirksdirektion der Volkspolizei in der Halberstädter Straße beherbergte einige Jahre – von 1950 bis 1957 – auch die Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit. Dieses Gebäude ist heute noch eine Haftanstalt. Das kleinere Gefängnis in Magdeburg-Neustadt in der Umfassungsstraße am Moritzplatz, erbaut 1876 als Polizeigefängnis, wurde 1958 von der Staatssicherheit als Untersuchungshaftanstalt übernommen und bis 1989 für diesen Zweck genutzt. Somit war der Sitz der heutigen Gedenkstätte in Magdeburg-Neustadt zuletzt mehr als 30 Jahre lang Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit.

Die Gedenkstätte wurde von Beginn an von Annegret Stephan geleitet, die im Jahr 2006 in den Ruhestand getreten ist. Vielleicht ist sie einigen von Ihnen bekannt. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit waren rehabilitierungsrechtliche Probleme und die Anerkennung von Haftfolgeschäden für ehemalige politische Häftlinge. Der Nachfolger ist Dr. Sascha Möbius, der die hervorragende Arbeit von Frau Stephan mit seiner wissenschaftlich fundierten Gedenk- und Bildungsarbeit fortsetzt. Zu unserer Tätigkeit gehören Führungen und Projekttage mit Schülern und Erwachsenen, Ausstellungen, Veranstaltungen und die Beratung von ehemaligen politischen Häftlingen. Über den letzten Themenkomplex möchte ich Ihnen heute berichten.

Aufgrund des frühen Beginnes der Gedenkstättenarbeit – wir sind meines Wissens nach der „Runden Ecke“ in Leipzig die zweite 1990 entstandene Gedenkstätte an einem authentischen Ort der DDR-Verfolgung – kamen von Anfang an sehr viele ehemalige politische Häftlinge zu uns. Es besuchten uns Menschen, die in dieser Stasi-Untersuchungshaftanstalt gelitten hatten, aber auch Menschen, die von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden waren oder in der SBZ interniert waren. Weil Beratung nötig war, kamen auch viele Menschen, die in anderen Haftanstalten aus politischen Gründen inhaftiert waren und nun in der Nähe wohnten. In den 90er Jahren ging es – das werden Sie alle wissen – zuerst um die Frage: Wohin kann ich mich wenden, um eine Anerkennung als ehemaliger politischer Häftling nach dem Häftlingshilfegesetz zu erhalten oder um eine Strafrechtliche Rehabilitierung zu erhalten? Wer ist für mich zuständig? Wo beantrage ich dann die Kapitalentschädigung? Wo bekomme ich Hilfe, wenn ich nicht oder nicht vollständig rehabilitiert werde? Wo und wie beantrage ich meine Einsicht in die Stasi-Akten?

Wir haben mit einigen Häftlingen jahrelang um ihre völlige Rehabilitierung gekämpft und sie dabei unterstützt, zu ihrem Recht zu kommen. In einem Fall ging es bis vor den Bundesgerichtshof, und der Betroffene hat seine vollständige Rehabilitierung erhalten. Mit dem neuen Jahrtausend wandelte sich der Beratungsbedarf, viele Betroffene benötigten Jahr für Jahr Unterstützung beim Ausfüllen der Anträge auf Unterstützung durch die Stiftung für ehemalige politische Häftlinge in Bonn. Andere stellten Anträge auf Anerkennung von Haftfolgeschäden und benötigten dabei Hilfe, bis heute ein schwieriges Thema in Sachsen-Anhalt. Nur wenige der gestellten Anträge auf Anerkennung von Haftfolgeschäden werden von den zuständigen Ämtern oder Gerichten positiv beschieden. Auch Hilfe bei der Beantragung der Beruflichen Rehabilitierung geben wir, soweit dies uns möglich ist.

Vor zwei Jahren wurde noch einmal im Zuge der Einführung der Opferpension ein immenser Beratungsbedarf deutlich, besonders als das Gesetz noch nicht in Kraft war. Die Frage: bekomme ich die Opferpension und wenn ja, wo muss ich sie beantragen, welche Unterlagen benötige ich dafür, hat sehr viele Menschen wieder in die Gedenkstätte gebracht. Mittlerweile haben sehr viele ehemalige politische Häftlinge alles erreicht, was sie nach derzeitiger Gesetzeslage beantragen können.

Beratung heißt auch: Ausfüllen von Anträgen für Betroffene, die es selbst nicht können, Beratung im Hinblick auf Anerkennung von Haftfolgeschäden, Formulieren von Widersprüchen, Archivrecherchen für die Betroffenen, Rundschreiben an viele ehemalige Häftlinge mit umfassenden Infos zu gesetzlichen Neuerungen, aber es heißt auch Gespräche mit ehemaligen Häftlingen über ihre Hafterlebnisse, auch über sehr verletzende Erlebnisse. Im Gegenzug zur Beratung erhielten und erhalten wir sehr viele Informationen von politischen Häftlingen der SBZ und DDR, die wir in unserer Bildungsarbeit nutzen. Und einige ehemalige Häftlinge stehen uns in bewundernswerter Weise als Zeitzeugen für Schüler- und Erwachsenengruppen zur Verfügung.
Was wären wir ohne die Opferverbände? Es gibt eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit zu den im Haus ansässigen Opferverbänden VOS und BSV, darüber sind wir sehr glücklich.

Ich möchte Ihnen heute stellvertretend für viele andere kurz von fünf Menschen berichten, die wir im Zusammenhang mit der Beratung in der Gedenkstätte kennen gelernt haben und die wir eine Zeitlang begleiten durften und, soweit sie noch leben, immer noch begleiten dürfen. Drei dieser Menschen, von denen ich Ihnen erzählen möchte, haben hier in Bautzen gelitten.

Als erstes möchte ich Ihnen von Heinz Schmerder erzählen. Heinz Schmerder wurde 1949 von einem sowjetischen Militärtribunal wegen angeblicher „Spionage“ und „antisowjetischer Propaganda“ verurteilt und war bis 1956 hier im „Gelben Elend“ in Bautzen in politischer Haft. Er hat wie viele von Ihnen heute Anwesenden am Bautzen-Aufstand teilgenommen und dessen gewaltsame Niederschlagung erleben müssen. Nach seiner Haftentlassung sollte er vom Staatssicherheitsdienst geworben werden, was er aber nicht zuließ. Er lernte seine spätere Frau kennen, beide blieben in den Jahrzehnten bis zum Zusammenbruch der DDR in Magdeburg. 1990 ist Heinz Schmerder der VOS beigetreten, dem seit 1950 in den alten Bundesländern existierenden großen Opferverband. Er gründete in Magdeburg die Landes- und Ortsgruppe der VOS mit und begann selbst in seiner eigenen Wohnung mit der Beratung von Kameraden. Er wollte seinen Leidensgenossen helfen, eine Anerkennung als ehemaliger politischer Häftling zu erhalten. Die Beratung zu Hause war nicht lange durchzuhalten, weil Betroffene sich zu jeder Tages- und Abendzeit bei ihm meldeten. So kam er zu uns in die Gedenkstätte und bat um Hilfe bei der Beschaffung von Räumen für die Opferverbände. Im Vorderhaus des Gebäudekomplexes, dem früheren Vernehmergebäude, das der Stadt gehört, wurden Räume an die Opferverbände VOS und BSV zur Verfügung gestellt, ebenso an Amnesty International und andere Vereine, die sich mit Menschenrechten beschäftigen. Es begann eine intensive, bis heute andauernde Zusammenarbeit der Opferverbände mit der Gedenkstätte. Gegenseitig konnten und können wir uns bei der Beratungstätigkeit helfen. Die Berichte von Heinz Schmerder über seine Verhaftung in Magdeburg und die 7 Jahre im Gefängnis Bautzen I sind mir bis heute unvergesslich.

Heinz Schmerder ist 1996 verstorben. Bis heute haben wir Kontakt zu seiner Witwe Lotti Schmerder, die noch immer Mitglied des Bautzen-Komitees ist, aber aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation seit Jahren nicht mehr zu Ihren Sitzungen kommen kann. Ich soll Sie herzlich von Frau Schmerder grüßen, sie weiß, dass ich heute hier vor Ihnen spreche.

Über das Schicksal von Kurt Pickel erhält man nebenan in der Gedenkstätte Informationen an einer Tafel und in einem Videobeitrag.

Er ist als 18-Jähriger 1948 von sowjetischem Militärangehörigen verhaftet worden. Er befand sich, wie er uns oft erzählt und geschrieben hatte, „zur falschen Zeit am falschen Ort“ und trug eine eingefärbte Jacke des englischen Militärs. Das allein reichte, um ihn wegen angeblicher antisowjetischer Spionage zu verurteilen. Er kam nach Bautzen I und erlitt das, was viele von Ihnen ebenfalls erlitten haben, er erkrankte an mehreren inneren Organen an TBC. 1950 lag er mit einer Wirbelsäulen-TBC im Gipsbett, und wurde grausam bei der Niederschlagung des Bautzen-Aufstandes zusammengeschlagen, was seiner Gesundung nicht förderlich war. 1954 wurde er schwerkrank in ein Sanatorium entlassen. Er hatte das Glück, dort seine zukünftige Frau kennenzulernen. Beide sind mittlerweile mehr als 50 Jahre glücklich miteinander verheiratet und haben 5 Söhne, auf die sie sehr stolz sein können. Eine große Stütze in der DDR war für sie der katholische Glaube. Herr Pickel hat aufgrund seines gesundheitlichen Zustandes nie einen richtigen Beruf in der DDR ausüben können, hat aber als Hauswart in verschiedenen kirchlichen Einrichtungen arbeiten können.

Herr Pickel wohnte in der Nähe von Magdeburg und kam in den 90er Jahren zu uns, als er eine teilweise Ablehnung seines Antrages auf Anerkennung seiner gesundheitlichen Haftfolgeschäden nach seiner TBC erhalten hatte. Die Begründung lautete: Es gäbe ja keinen Beweis dafür, dass er nicht schon krank in die Haft gekommen wäre. Er war mutlos, wir haben ihm Mut gemacht und ihm geholfen, in Widerspruch zu gehen und Beweise zu suchen. Letztendlich sind seine Haftfolgeschäden anerkannt worden und er erhält eine persönliche kleine Rente nach dem nach dem Bundesversorgungsgesetz. Im Gegenzug erlebten wir etwas Wunderbares: Kurt Pickel bat darum, vor Schülern über seine Haft sprechen zu können, denn bei der Verhaftung war er genauso alt wie sie. So wurde er für mehrere Jahre, solange er es gesundheitlich konnte, ein hervorragender und berührender Zeitzeuge vor Schulklassen. Familie Pickel lebt heute in Heiligenstadt.

Auch das Schicksal von Horst Linowski ist in der Ausstellung der Gedenkstätte Bautzen dargestellt. Er hat als 20-Jähriger am Volksaufstand am 17. Juni 1953 in Magdeburg teilgenommen. An verschiedenen Brennpunkten in der Stadt demonstrierte er mit Tausenden anderen, vor dem Gefängnis Magdeburg-Sudenburg erlebte er, dass die Demonstranten die Freilassung der politischen Häftlinge forderten, was durch den massiven gewaltsamen Einsatz von sowjetischen Panzern misslang. Am Abend des 17. Juni sah er, dass in der Nähe seiner Wohnung ein LKW mit sowjetischem Militär anhielt, ein Offizier verteilte vom Hänger aus Flugblätter mit der Verkündung des Ausnahmezustandes über Magdeburg, der seit 14 Uhr verhängt war, verbunden mit Verhaltensregeln für die Magdeburger. Horst Linowski bekam ein solches Flugblatt in die Hand, las es durch und zerriss es kurzerhand. Im gleichen Moment merkte er, dass er einen großen Fehler begangen hatte. Er versuchte noch mit seinem Fahrrad zu flüchten, es wurde hinter ihm her geschossen, er wurde verhaftet und verurteilt und musste bis 1960 im Gefängnis Bautzen I als einer der vielen „Xer“ zubringen. Im Gefängnis Bautzen I wurden die Verurteilten nach dem Volksaufstand am 17. Juni besonders isoliert und mit einem X auf der Kleidung versehen, in Anlehnung an den Begriff der SED-Regierung „Tag X“ für den Tag des Volksaufstandes. (Von der SED wurde der 17. Juni 1953 im Nachhinein zu dem „von langer Hand vorbereiteten Tag X“ stilisiert, zum „faschistischen Putschversuch“, den „faschistische Provokateure“ von Westberlin aus im „demokratischen Sektor von Berlin“ unternommen hätten. Diese Legende musste auch als Deutungsmuster für die Streiks und Demonstrationen in der Provinz herhalten.)

Horst Linowski hat nach der friedlichen Revolution lange gebraucht, ehe er Vertrauen zu den Opferverbänden fasste, dann aber entwickelte er große Aktivitäten für den BSV, für die Kameraden und für die Gedenkstätte. Vorsichtig ging er daran, als Zeitzeuge vor Schulklassen über seine Haft zu erzählen, am Anfang fiel es ihm schwer, doch je öfter er über seine Hafterlebnisse sprach, umso besser ging es ihm auch damit.

Wir merkten, dass er auch Beratung brauchte, dass er immer wieder lange das Gespräch mit Frau Stephan und mir suchte. Er sprach über die Haft, über verletzende Erlebnisse, über seine schwere Zeit nach der Haft.

Er hatte immer den Wunsch, noch einmal das Gefängnis Bautzen I zu besichtigen. Eigentlich wollte er gemeinsam mit seinem Sohn nach Bautzen fahren, aber es kam nicht dazu. Im Frühjahr 2002 fragte er mich: „Ulrike, würdest Du mit mir diesen schweren Weg gehen? Wenn Du mitkommst, würde ich es wagen.“ So meldeten wir uns zur Besichtigung im Rahmen der Bautzen-Komitee-Tagung an, mit Ausweisnummer und Adresse – Sie alle kennen die Modalitäten. Wir gingen mit anderen früheren Bautzen-Häftlingen durch die Außenanlagen, sahen die Kirche von innen, gedachten der Menschen, die wir kannten, die hier ebenfalls im Speziallager oder in der Strafvollzugsanstalt gelitten hatten, und er zeigte mir die extra gelegenen Gebäude, in denen die „Xer“ isoliert von den anderen Strafgefangenen untergebracht waren. Nach der langen Besichtigung des „Gelben Elends“ gingen wir auf den Karnickelberg. Die Kapelle war offen, wir waren die einzigen Besucher, dort haben wir noch einmal lange stumm miteinander zugebracht und der vielen Toten gedacht. Der restliche Tag war für uns frei, erst am nächsten Tag begann das Bautzen-Forum, wir genossen das schöne Wetter und besichtigten die Sehenswürdigkeiten der Stadt, und hatten den ganzen Tag Zeit zum Reflektieren der Haftjahre von Horst Linowski. Es war ein sehr wichtiger Tag, für ihn und für mich.

Im Jahr 2003 hat Horst Linowski noch die Feierlichkeiten im 50. Jahr des Gedenkens an den Volksaufstand am 17. Juni 1953 erleben können und wurde persönlich mit der Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt geehrt. Im Herbst 2003 ist er viel zu früh im Alter von 70 Jahren gestorben.

Die nächste Person, von der ich Ihnen berichten möchte, ist Diana Weiss. Ihr Schicksal hat keinen Bezug zum Haftort Bautzen, aber sie hat ähnliches in ihrer Kindheit wie Alexander Latotzky erlebt. Diana Weiß wurde 1951 in Stollberg in Sachsen im Gefängnis Schloss Hoheneck geboren. Ihre Mutter war wegen Spionageverdachts von einem sowjetischen Militärtribunal verhaftet worden, und nach der Verurteilung nach Stollberg verlegt. Die Großmutter wurde im gleichen Zusammenhang wie die Mutter mitverurteilt, sie musste bis 1954 in einem Lager in der UdSSR am Ural zubringen. Da weder Mutter noch Großmutter sich um das neugeborene Kind Diana kümmern konnten, wurde sie nach Leipzig in ein Kinderheim gebracht und musste dort unter erbärmlichen Bedingungen aufwachsen. Als sie wahrscheinlich Anfang 1954 aus dem Kinderheim von der entlassenen Mutter abgeholt wurde, konnte sie weder laufen noch sprechen, so hat es ihr die Großmutter später erzählt. Sie war 2 ½ Jahre alt! Frau Weiß hat seit den 80er Jahren massive psychische Probleme, die dazu führten, dass sie seit 2000 erst eine befristete und mittlerweile eine unbefristete Erwerbsunfähigkeitsrente erhält. Für die Zeit ab ihrer Geburt bis zur Entlassung aus dem Kinderheim hat sie eine Anerkennung nach dem Häftlingshilfegesetz als Verfolgungszeit erhalten, was ich völlig berechtigt finde. Seit 10 Jahren versucht sie eine Anerkennung ihrer frühkindlichen psychischen Schäden aufgrund ihrer Heimeinweisung – und dieses als Folge der politischen Haft ihrer Mutter – als politische Verfolgungsschäden zu erhalten (von Haft-Folgeschäden kann man in ihrem Fall ja nicht sprechen, da es die Zeit im Kinderheim und nicht die Zeit von politischer Haft als Erwachsene betrifft). Einen Prozess vor dem Sozialgericht Magdeburg hat sie bereits verloren. Nun liegt die Klage beim Landessozialgericht Halle. Wir haben ihr geholfen, Widersprüche zu formulieren, haben gemeinsam Fakten in ihrem Leben recherchiert und dem Gericht zur Verfügung gestellt. Der Ausgang ist offen, aber ich würde ihr wünschen, dass sie diese Anerkennung und damit eine kleine Sonderrente erhält.

Der letzte Betroffene, von dem ich Ihnen berichten will, ist Wolfgang Bischoff. Er hat ein typisches Verfolgungsschicksal wie viele Menschen in der DDR erlebt. 1945 geboren, hat er sich bereits als Schüler einer EOS gegen die Verhaftung von Mitschülern aus politischen Gründen gewehrt und wurde von der Schule relegiert. Er konnte kein Abitur machen, lernte einen Beruf, der seinem Wunsch am nächsten kam und erlebte in den 70er Jahren immer mehr Ungerechtigkeit in der DDR. Gemeinsam mit seiner Frau stellte er 1976 einen Ausreiseantrag, weil er nicht mehr in diesem Staat leben wollte. Prompt wurde Herr Bischoff aus seinem Arbeitsverhältnis entlassen, wegen des Ausreiseantrages und wegen illegaler Westkontakte. Die Familie schrieb immer wieder Ausreiseanträge und Beschwerden, bis hin zur - natürlich fruchtlosen - Eingabe an Erich Honecker. Sie wurden immer wieder vor die Abteilung Inneres geladen, wo ihnen mitgeteilt wurde, dass ihr Ausreiseantrag illegal sei und nicht genehmigt werden würde. Einem Freund in Bonn gaben sie Informationen über ihre Ausreiseanträge, dieser veranlasste einen Beitrag in der bundesweit erscheinenden Frankfurter Rundschau über die vergeblichen Ausreisebemühungen der Familie Bischoff. Sie hatten sich damit Unterstützung für ihr Ausreisebemühen erhofft, aber es trat das Gegenteil ein: Frau und Herr Bischoff wurden Anfang 1977 von der Staatssicherheit verhaftet und der „staatsfeindlichen Hetze“ bezichtigt. Frau Bischoff wurde zum Glück nach einem Tag Verhör nach Hause zum kleinen Baby entlassen, aber Herr Bischoff hat mehrere Monate in Untersuchungshaft zubringen müssen und wurde zu 2 Jahren Haft verurteilt. Den Strafvollzug musste er in Cottbus verbringen. In einem Gespräch erzählte er mir später von guten und schlechten Erfahrungen im Strafvollzug, von Solidarität unter den Häftlingen, auch durch kriminelle Häftlinge, aber auch von Gewalt unter den Häftlingen und vor allem von Gewalt der Wärter gegenüber den politischen Häftlingen.

1978 wurde er in die Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Er konnte die Familie hinterher holen, und eine neue berufliche Wirkungsstätte schaffen. Seit 1992 kennen wir ihn, er besucht uns immer wieder in der Gedenkstätte und möchte über seine Haft reden, und er nimmt regen Anteil an der Arbeit der Gedenkstätte.

Doch das ist noch nicht alles. Von Anfang an erzählte er von seinem Vater, der 1951 von sowjetischen Militärangehörigen abgeholt wurde. Die Familie hat in der DDR nie mehr etwas über das weitere Schicksal des Vaters erfahren können. 1995 erhielt Herr Bischoff die Rehabilitierungsurkunde aus Moskau für seinen Vater. Aus ihr ging hervor, dass der Vater nicht, wie die Familie vermutet hatte, in den GULag gebracht worden und dort in einem Lager an einer Krankheit gestorben war, sondern dass er von einem SMT wegen Spionageverdachts zum Tode verurteilt und in Moskau im August 1951 hingerichtet worden war. Dieses Wissen war besonders schwer für die Familie zu verkraften.

Seit mehreren Jahren gibt es Forschungsergebnisse zu den fast 1000 Deutschen, die von Sowjetischen Militärtribunalen zum Tode verurteilt und in Moskau hingerichtet worden sind. Zuerst erschien ein Totenbuch, danach entstand die Ausstellung „Erschossen in Moskau“. Vor mehreren Jahren war die Ausstellung hier in der Gedenkstätte Bautzen zu sehen. Ich berichtete Herrn Bischoff über das Buch und über die Ausstellung, mittlerweile gab es auch eine Fernsehdokumentation über diese Thematik. Vor einem Jahr holten wir für 6 Wochen die Ausstellung „Erschossen in Moskau“ in die Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg. Ich lud Familie Bischoff zur Ausstellungseröffnung ein, und ich fragte vorsichtig, ob Herr Bischoff es sich vorstellen könne, bei der Ausstellungseröffnung etwas zu sagen, wie es für die Familie war, als der Vater verhaftet wurde und nicht mehr wiederkam und sie bis zu den 90er Jahren nichts über sein Schicksal erfahren durften. Nach einer Bedenkfrist sagte er zu. Bei der Ausstellungseröffnung wurde sein Beitrag zu einer flammenden Rede für die Gerechtigkeit. Er stellte dar, wie sehr die politische Ungerechtigkeit, die seinem Vater geschehen war und die er zu DDR-Zeiten nur ahnen konnte, sein eigenes Leben geprägt hatte, dass er lieber für seine Überzeugungen ins Gefängnis ging, als sich politisch indoktrinieren zu lassen.

Was ihm bisher noch nicht möglich war, ist eine Fahrt nach Moskau, um sich auf dem Donskoje-Friedhof von seinem Vater zu verabschieden. Doch dies wird in Kürze stattfinden. Ende Mai 2009 werden 40 Menschen aus Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern nach Moskau reisen, Vertreter von Bildungseinrichtungen, Schüler, Journalisten und vor allem Angehörige von dort Hingerichteten. Familie Bischoff wird auch dabei sein. Das ist ein würdiger Rahmen, um vor Ort der Toten zu gedenken.

Alle diese Begegnungen mit Menschen, die in der SBZ und DDR politisch verfolgt wurden, (und sie sind nur stellvertretend für viele andere) haben mein Leben bereichert. Wir werden in der Gedenkstättenarbeit unser Bestes geben, damit die Menschenrechtsverletzungen im Unrechtsstaat SBZ/DDR nicht vergessen werden.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

----------------------------------------
Quellen: persönliche Gespräche und Akten im Sammlungsbestand der Gedenkstätte Moritzplatz Magdeburg, die von den Betroffenen persönlich zur Verfügung gestellt wurden.

Die Genehmigung der persönlich erwähnten ehemaligen Häftlinge bzw. ihrer direkten Angehörigen zur Veröffentlichung des Textes auf der Internetseite des Bautzen-Komitees e.V. wurde mir erteilt

 

Berichte | Kinder im Lager | Links | Suchmeldung | Gästebuch | Kontakt