Ich bin Jahrgang 1929 und natürlich war
ich beim BDM. Damals gab es kaum einen, der nicht dabei und nicht auch
begeistert davon war. Das konnte uns damals gar nicht schnell genug gehen. Sonst
hat sich ja auch niemand um uns gekümmert, war in unserem Dorf doch nichts los
oder jemand da, der sich mit uns beschäftigte. Aber die, die haben Reisen mit uns gemacht,
ins Ferienlager und so. Von Verfolgung, Konzentrationslagern und alle dem haben wir als
Jugendliche dagegen nichts erfahren und von den Kriegswirren hörten wir nur im
Radio oder im Kino. Es waren Meldungen darüber, was für Fortschritte unsere
Soldaten machten und das es uns gut geht.
Was verstanden wir als Kinder denn von
Politik? Wir waren das, was man als artige Kinder bezeichnet, wir hörten und
glaubten dem, was uns die Eltern, die Lehrer und andere Erwachsenen erzählten.
So wie Kinder überall auf der Welt.
Das endete dann schlagartig mit dem 8. Mai 1945, als die Russen in unserem Dorf
einmarschiert sind. Noch heute kann ich diese Zeit nur schwer beschreiben. Meine
Oma hat uns im Keller versteckt, denn die haben ja alles vergewaltigt, was ein
Mädchen war. Eine Frau aus Schlesien, die war eben erst bei uns untergekommen
und war hochschwanger, die haben sie erst vergewaltigt und dann im Keller aufgehängt.
Ein anderer Soldat der war geschlechtskrank und der hat das Mädchen nach der
Vergewaltigung dann einfach umgebracht, damit keiner seiner Kameraden mehr an
sie dran geht und sich ansteckt. Ich kann das nicht beschreiben. Ich glaube
auch, das kann nur an dem Alkohol gelegen haben, den die ständig tranken, denn
normal kann ein Mensch doch gar nicht so schlecht sein, dass er mit anderen
Menschen, die ihm nun gar nichts getan haben, so umgeht.
Einige Monate später, am 23. August 1945, bin ich dann mit meiner Cousine wegen
antisowjetischer Propaganda verhaftet und im September in Chemnitz von einem
Militärtribunal zu sieben Jahren Strafarbeitslager verurteilt worden. Wir hatten
am Ortseingang ein Plakat aufgehängt, wo wir die KPD aufforderten, uns mehr zu
essen zu geben. Meine Cousine hatte bei der Vernehmung alles gestanden und so
blieb mir auch nichts anderes übrig. Mit uns war auch noch ein Freund aus Berlin
festgenommen. Der hatte damit zwar überhaupt nichts zu tun, aber den haben sie
auch verurteilt.
Bei der Verhandlung waren nur zwei russische Offiziere, zwei Schreiber und noch
so zwei Leute anwesend. Die haben uns auch ziemlich kurz abgeurteilt und im
November kamen wir dann nach Bautzen. Zunächst waren wir die beiden einzigen
Frauen, aber dann kamen immer mehr, Männer und Frauen. Auch viele Jugendliche,
die zum Tode verurteilt waren, weil sie angeblich Wehrwölfe gewesen sein sollen.
Wir hatten eine Zelle, die von Tieffliegern beschossen war und ein Loch in der
Tür hatte. So konnten wir immer sehen, wenn ein neuer Transport kam. In der
Zelle neben uns waren einmal vier Jungs, die waren zum Tode verurteilt und einer
nach dem anderen wurde nachts rausgeholt. Die pfiffen dann immer noch auf dem
Weg „Ich hat einen Kameraden“. Es war grausam, das zu hören. Der Letzte, der
hatte ein Gnadengesuch eingereicht und dem haben wir Hoffnung gemacht, du kommst
bestimmt durch haben wir ihm immer wieder gesagt, den haben sie dann aber auch geholt.
Also das als junger Mensch so zu verarbeiten, das ist schon schwer. Wenn sie das
heute einem erzählen, glauben die Leute das gar nicht. Da war auch eine alte
Frau, so eine Arbeitslagerleiterin, die hat gesagt, sie hat das Lager nur
geleitet, niemanden umgebracht. Die haben sie auch nachts raus geholt und die kam
nicht wieder. Die ganze Zeit hat sie nur noch gefleht "nicht kaputt machen, nicht
kaputt machen, nicht kaputt machen". Durch unser Loch das da war, konnten wir
ziemlich viel beobachten.
Unser Essen in Bautzen bestand aus Suppe, dünner Graupensuppe. Oftmals haben wir
uns draußen beim Hofgang, wenn der Posten mal nicht hinsah, Löwenzahn gerupft
und in die Suppe getan. Nur dann, wenn eine prüfende Kommandantur kam, war das Essen
besser. Da war es dickes Essen, da steckte der Löffel drin. Die fragten dann
auch, ob wir Beschwerden hätten, doch aus Angst hat sich keiner getraut, etwas
zu sagen. Es sind ja auch viele gestorben in Bautzen und Sachsenhausen. Die
Männer, die waren wie wandernde Kleiderständer, so dünn. Mit uns Mädchen sind sie ja
noch einigermaßen gut umgegangen, aber die Männer, die haben sie grausam
behandelt.
Einmal im Monat durften wir in die Dusche. Es war eine Riesendusche und wir
Frauen mussten uns vor den Wachposten ausziehen. Alles mussten wir vor ihnen
ausziehen und haben uns dabei schrecklich geniert. Unter uns waren auch Frauen
aus Russland, die waren als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland gekommen und
haben hier gearbeitet. Dafür waren jetzt mit uns eingesperrt. Die Wärter waren
zu ihren eigenen Leuten genauso wie zu uns, die haben keinen Unterschied
gemacht.
In Bautzen waren wir erst zu viert in einer Zelle. Die hatte eine Pritsche und
drei Etagenbetten. Wir mussten um 6.00 Uhr aufstehen und durften uns erst um
22.00 Uhr hinlegen. In der Zwischenzeit durften wir uns nicht auf das Bett
legen, das wurde ständig kontrolliert.
Dann wurden die Zellen aufgelöst und wir kamen in einen großen Saal, da waren
wir 102 Frauen in einem einzigen Raum. Der hatte sogar richtige Toiletten und
einen extra Waschraum. Dort hat sich kaum jemand um uns gekümmert. Die
Wachposten sind nur zur Essenausgabe in den Saal gekommen, sonst nicht.
Hier wurde ich dann krank. Erst dachte ich, ich hätte nur Halsschmerzen, doch es
war Diphtherie, an der damals viele Gefangenen litten und starben. Ich konnte
kaum noch schlucken und kam ins Lazarett. Ich war schon ganz abgemagert und die
Ärzte, das waren auch alles Häftlinge, meinten, ich würde wohl sterben. Mit mir
im Raum lag aber noch eine Frau, die war dem Tod noch näher als ich und konnte
gar nicht mehr schlucken. Deren Essen habe ich dann auch gegessen und so habe
ich überlebt. Das war grausam, ja, aber so war das damals. Ich war 18 und wollte
leben. Das war an meinem 18. Geburtstag und an jedem Geburtstag den ich habe,
muss ich daran denken. Es sind ja so viele gestorben.
Später kamen wir nach Sachsenhausen. Wie Vieh wurden wir in Viehwaggons geladen
und waren zwei Tage lang unterwegs, ohne Essen und Trinken. Nur einmal hielt der
Zug an und wir bekamen rostiges Wasser von der Lok und Brot mit Marmelade. Ich
habe die Marmelade nicht genommen, denn davon bekam man noch mehr Durst.
Mittags kamen wir dann in Sachsenhausen an. Es war eine glühende Hitze. Wir
standen in der Sonne und wurden registriert. Das dauerte unendlich lange und die
Leute saßen in der prallen Sonne auf ihrem Gepäck oder auf dem Boden, ohne was
zu trinken. Manche sind dann gestorben, die sind einfach umgefallen und waren
Tod. Erst abends um halb neun kamen wir endlich ins Lager und wurden auf die
Baracken aufgeteilt. Hier blieb ich dann bis zum 23. Januar 1950.
Von meiner Entlassung will ich noch erzählen. Die Leute im Bus und im Zug haben
mir alle angesehen, wo ich herkam. Es hatte sich ja inzwischen herumgesprochen,
dass die Lager aufgelöst wurden und die Leute haben mich überhäuft mit
Geschenken. Die steckten mir Geld zu, ein Bauer gab mir Wurst und Käse. Als ich
zu Hause ankam, da hatte ich soviel zu Essen wie noch nie zuvor.
Nach dem 17. Juni 1953 habe ich dann die
DDR verlassen. Man hatte mir schon wieder gedroht, weil ich den Mund nicht
halten konnte und es wurde mir zu gefährlich. Noch einmal eingesperrt werden
wollt ich nun wirklich nicht.