Bautzen-Komitee e.V.

 

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  Gudrun Sauer

Mein Name ist Gudrun Sauer, geborene Sinram. Ich bin stellvertretende Vorsitzende des Bautzen-Komitees e.V.

Es ist die Geschichte meines Vaters, Rudolf Sinram, die mich zum Bautzen-Komitee führte.

Mein Vater war bis 1945 Inhaber der Firma Münckner & Co in Bautzen. Im letzten Kriegsjahr wurde er zum Volkssturm eingezogen, wir – meine Mutter und vier Töchter – verloren ihn aus den Augen. Bis 1990 war uns sein Schicksal unbekannt. Erst nach der Wiedervereinigung erfuhren wir, dass er im Dezember 1945 im Zuchthaus Bautzen ums Leben kam. Unsere Mutter hatte bis zu ihrem Tod 1988 keine Nachricht mehr erhalten und so nicht davon gewusst, dass ihr Mann ganz in der Nähe zu Tode gekommen war.

Lange Zeit hatte sie gehofft und geduldig die Schikanen ertragen, die ihr und uns Kindern eines Mannes auferlegt wurden, der in der Nachkriegszeit als aktiver Nationalsozialist und Kriegsverbrecher verleumdet wurde. Erst in einem Schreiben vom 15. August 1995 hat ihn die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation von diesen Vorwürfen entlastet und rehabilitiert: „Entsprechende der Archivunterlagen der Russischen Föderation war Rudolf Sinram weder Kriegsverbrecher noch aktives Mitglied der faschistischen Partei und die Sowjetische Militäradministration hat keine gerichtliche Entscheidung über die Konfiskation der ihm gehörenden Firma, der Wohnung oder anderen persönlichen Eigentums getroffen.“

Der Betrieb wurde enteignet, obwohl er eigentlich zu Teilen auch schon uns Kindern gehörte, da unser Großvater uns 1942 in seinem Testament als Miteigentümer einer neu gegründeten Kommanditgesellschaft eingetragen hatte.

In den Jahren nach dem Krieg waren wir der Willkür der neu geschaffenen Behörden ausgeliefert. Neben der Manipulation in den Grundbuchunterlagen waren wir auch persönlichen Schikanen ausgesetzt. Man entzog uns nach und nach unsere Lebensgrundlagen. Man nahm, uns die Möbel und im Winter 1946 wurde uns die Heizung abgeklemmt, so dass wir uns nur durch unseren Körperkontakt vor dem Erfrieren retten konnten, wir schliefen zu fünft in zwei Betten und wechselten in stündlichem Rhythmus den Platz, um die jeweils außen Liegenden wieder aufzuwärmen. Unsere aus alten Steinhägerflaschen selbst hergestellten Wärmflaschen lagen am Morgen zerplatzt in den Betten, da das Wasser darin gefroren war.

Unsere Mutter wurde zu Strafarbeit verpflichtet, sie musste wöchentlich vier Quadratmeter Gardienen aus Papierstrick häkeln. Uns Kindern erteilte man den Auftrag, jede Woche 500 Narzissen aus Papier zu fertigen.

Ich musste die Oberschule verlassen, da ich als „Tochter eines Kapitalisten“ – den Worten des Schulleiters folgend – „meine Mitschüler verseuche“.

Selbst der Prokurist der Firma, der nach dem Verschwinden unseres Vaters mit unserer Mutter den Betrieb weitergeführt hatte, wurde verhaftet und kam in Jamlitz um.

Nach der Wende 1989 versuchten meine Schwester und ich, Informationen über den Verbleib unseres Vaters zu sammeln und diese Recherchen führten mich zum Bautzen-Komitee. Die vielen Schicksale, die ich dadurch kennen lernte, berührten mich zutiefst. Es stand schon nach kurzer Zeit für mich fest, dass ich etwas dazu beitragen wollte, diesen Menschen, welche selbst nicht mehr in der Lage waren, sich selbst äußern zu können, zu helfen. Es geht mir darum, einen Beitrag zu leisten, damit unschuldig Verurteilte rehabilitiert werden und ihnen Gerechtigkeit zuteil wird.

Unser persönlicher Kampf um Gerechtigkeit währt mittlerweile zwanzig Jahre und die Hoffnung, das Unrecht der Diktatur würde in demokratischen Strukturen bald beseitigt sein, wurde enttäuscht. Die Zeit vergeht und zwei meiner Schwestern weilen nicht mehr unter uns. ich werde mich aber nicht entmutigen lassen. In der Arbeit im Bautzen-Komitee finde ich Kraft, denn jeder Erfolg, den wir im Interesse der Opfer erringen, macht mich optimistischer.

 

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