|
Johannes Urban
Jahrgang 1929
[...] Nach drei Tagen im Untersuchungsgefängnis wurden wir spät abends am 4.
November 1945 ins Gelbe Elend gebracht.
Im Dachgeschoß des Hauses II erwarteten wir das weitere Geschehen. Der Magen
knurrte, wie immer; so langsam gewöhnte man sich an das ständige Hungergefühl.
Gegen Mitternacht gab es endlich noch zu essen, eine dünne Graupensuppe. Bloß
wohin damit? Die wenigsten besaßen ein Essgeschirr oder ähnliches. In einer Ecke
entdeckten wir verrostete Blechbüchsen, die ohne Zweifel schon ganz anderen
Zwecken gedient hatten. Mit herumliegenden Papierresten versuchten wir sie
wenigstens einigermaßen zu säubern, und dann ging es schnell an den rettenden
Essenkübel.
Am 5.11. morgens gelangte ich schließlich in »meine« Zelle: Zelle 42 im II.
Stock des Ostflügels.
Ich war der fünfte in dieser ursprünglichen Einzelzelle. Doch nur 4
Schlafgelegenheiten befanden sich darin. Das Original Wandbett, eine hölzerne
Doppelstock und eine Einzelpritsche, die zusätzlich hineingebaut wurden. Die
vorhandenen 3 Matratzenteile waren bereits unter den bisherigen Zelleninsassen
aufgeteilt. Mir blieb nur noch der steinerne Fußboden. Jeweils abends breitete
ich meine Habseligkeiten zu einer Schlafstelle. Der Rucksack mit der
Ersatzwäsche diente als Kopfkissen, Hose, Jacke und Mantel wurden zur
Körperunterlage und mit meiner alten Decke deckte ich mich zu.
Zunächst hatte ich, der Neue, viel Interessantes zu berichten, die anderen saßen
bereits schon 3 4 Monate. Ganz schnell lernte man sich kennen, wurde vertraut
miteinander, und schon ward das Schicksal des einzelnen zum gemeinsamen
Schicksal. Man zog am gleichen Strick und versuchte sich Mut zu machen.
Weihnachten kam heran. Schon die Adventstage waren quälend. Die Sehnsucht nach
den Lieben zu Hause verstärkte sich während dieser Zeit noch mehr. Und dann war
Heiligabend. Es mochte gegen 19 Uhr sein, genau wusste es keiner, denn von
unseren Uhren waren wir bereits bei der Verhaftung befreit worden. Um diese Zeit
begann immer die Christnacht in der heimatlichen Kirche. Wie mag denen daheim
zumute sein? Krampfhaft mühten wir uns, ein wenig Weihnachtsstimmung aufkommen
zu lassen.
Einer der Bäcker, die in Zelle 1 3 unserer Etage untergebracht waren, hatte mir
ein Stück Kerze und eine Streichholzreißfläche mit einigen Hölzern heimlich
zugeschoben. Ich hatte mühsam 2 Weihnachtssterne geflochten, die wir an unsere
Wandlampe, die längst schon ihren Dienst versagte, hingen. Die Kerze ward
entzündet und ganz leise summten wir einige Weihnachtslieder. Einer stand vor
dem Türspion, aber da war auch schon der Posten zur Stelle. Wütend trat er in
die Zelle, schlug mir ins Gesicht, zertrampelte die Kerze und die
heruntergerissenen Sterne.
Und weiter ging die Demütigung. Aus der Zelle heraustreten! Filzen. Alles wurde
durchwühlt. Ein schreckliches Weihnachten!
Transportvorbereitungen versetzten uns jedes Mal in Unruhe und Spannung. Werde
ich dabei sein? Wohin wird's gehen, oder sind sogar Entlassungen vorgesehen?
Fragen über Fragen. Im März 1947, als der Mühlberg Transport abging, blieb ich
verschont. Im September schien es dann auch mich und einen großen Teil meiner
Mitgefangenen im Ostflügel zu treffen. Mit den wenigen Habseligkeiten unterm Arm
ging es vorerst zum Baden und zur Entlausung und von dort direkt in den
Saalflügel des Kreuzbaues. Erleichterung! Wir waren nur verlegt worden. Im Saal
6, der mit lang aneinander gereihten Doppelstockpritschen ausgebaut war und über
300 Gefangene fasste, fand ich meine neue Unterkunft. Nur langsam gewöhnte man
sich an die neuen Haftbedingungen. Lange Zeit in der Zelle zu fünft, oft auch zu
sechst aufeinander angewiesen, teilte man nun das Schicksal der großen Masse.
Der Gefängnisalltag war zwar nicht mehr so eintönig, aber keineswegs
erträglicher. Am schlimmsten waren die Nächte, oft wurden sie zur Ewigkeit.
Schlimmer als die Schnarcher waren die Wanzen. In der Zelle waren es wenigstens
nur Flöhe und Läuse, die einen piesackten. Ich versuchte mich zu schützen vor
diesen ekelhaften Biestern sie schienen mich besonders zu bevorzugen indem ich
vor dem Schlafengehen meinen Brotsack über den Kopf zog und die durchlöcherten
Socken über die Hände. Aber das half nur wenig. Schon bald hatte ich
Entzündungen und Schwellungen im Gesicht und vor allem an den Handgelenken. Am
Tage lockten wir die Wanzen aus den Ritzen und Löchern unserer Pritschen, um sie
gnadenlos zu killen. Eine makabre Art der Genugtuung.
Im Saalflügel erlebte ich auch die für uns alle gravierende Kürzung unserer
Brotzuteilung auf die Hälfte der bisherigen Rationen. Der Hunger wurde noch
qualvoller, obwohl der Magen immer mehr zu schrumpfen schien.
Und schon war das zweite Weihnachten im Lager nicht mehr fern. Unsere Lage
schien aussichtsloser denn je. Zunehmend munkelte man von einem größeren
Gefangenentransport nach Russland, in Waggonstärke von jeweils 40 Mann
eingeteilt. Wieder einmal wurden wir geröntgt und untersucht. Dann noch der
übliche Kniff in den Po und er schien noch straff. Diagnose: Gesundheitsgruppe
I. Schon wenige Tage später, offenbar im Zusammenhang mit den
Transportvorbereitungen, erfolgte eine Verlegung in den Saal 1, Erdgeschoß. Hier
erlebte ich Sylvester und den Beginn des Jahres 1947. Unsere Befürchtungen
bewahrheiteten sich zunächst noch nicht. Es kam erst einen Monat später zum
Abtransport.
Der halbstündige morgendliche Rundgang im Gefängnishof führte uns an einer
Magazin Baracke vorüber. Dort lagerten u. a., durch ein Fenster sichtbar, Massen
ineinander geschichteter emaillierter Essschüsseln mit Henkel, während wir nach
wie vor auf unsere rostigen Blechbüchsen angewiesen waren. Am 16.1.1947 war eine
der Fensterscheiben eingeschlagen, und bei jeder Runde bedienten sich die
Kameraden. Beim dritten Mal faßte auch ich den Mut und griff zu. Ich hatte aber
das Pech, mir üble Schnittverletzungen an Daumen, Zeige und Mittelfinger
zuzuziehen. Ich verbarg die Hand in der Hosentasche, um nicht aufzufallen. Dem
Wachtposten auf der Mauer waren die Vorgänge natürlich nicht verborgen
geblieben. Kein Wunder also, dass wir beim Einrücken von einer ganzen
Wachmannschaft empfangen wurden. Wie wilde Tauben schwirrten die Schüsseln durch
die Gegend, meine auch. 7 Kameraden wurden gegriffen, nicht schnell genug
vermochten sie sich von ihrem Neuerwerb zu trennen; sie wurden sofort abgeführt.
Hatte ich ein Glück gehabt! Aber dieses anfangs beruhigende Gefühl war nicht von
Dauer. Nach dem Zapfenstreich um 21 Uhr kam plötzlich einer der Wachtposten in
den Saal, machte Licht und verlas meinen Namen. »Jo(g)annes Urban nu dawai
kommen, mit Gepäck dawai, dawai!«
Treppauf ging es zunächst, zur Vernehmung. »Wer hat noch Schüssel dsaptserap
sagen und können Sie gehend Ich schwieg und bekam 10 Tage Bunker. Man brachte
mich in einen finsteren Ja und dort saßen bereits die anderen sieben. Einer
hatte mich verpfiffen, und nicht lange dauerte es, und ich wußte, wer es war.
Aber was sollte es, wir hatten das gleiche Los!
Die Bunkerhaft verbrachten wir in den Schwerstverbrecherzellen auch
»Todeszellen« genannt im Keller des Kreuzbaues. Die Zellen hatten einen doppelt
vergitterten Eingang; wie im Käfig kam man sich vor. Kein Tisch, keine Sitz oder
Liegemöglichkeit, nur ein Eimer für dringende Bedürfnisse. Eiskalt der Fußboden.
Sich etwa längere Zeit hinzusetzen wäre selbstmörderisch gewesen. Das schmale,
für uns unerreichbare Zellenfenster war offen, und draußen wurde es immer
kälter. Schnee wehte herein. Wir froren wie die jungen Hunde. Morgens erhielten
wir einen Topf lauwarmen Malzkaffee mit einem schmalen Kanten Kommissbrot.
Nachts zwangen wir uns, wach zu bleiben und uns auf den Beinen zu halten. Wir
liefen im Kreis und rieben uns gegenseitig den Rücken warm. Einer saß, immer
abwechselnd, auf dem Toiletteneimer und ruhte ein wenig. Unbeschreiblich die
Qualen, die jeder einzelne ertragen musste!
Nach fünf Tagen und Nächten wurden wir überraschend begnadigt. Ein Wachtposten
brachte uns in Barackenlager außerhalb des Gefängniskomplexes. Ich war völlig
entkräftet und verlor beim Duschen im Heizraum das Bewusstsein. Ganz benommen
fand ich mich in Baracke 3 wieder. Dort traf ich auch viele der mir vertrauten
Kameraden wieder, die zwischenzeitlich aus den Sälen in das Außenlager verlegt
worden waren.
Da ich auf weniger als 80 Pfund abgemagert war, wurde ich in die Gruppe der
Dystrophiker eingereiht, das hieß transportunfähig, wie sich bald bestätigte.
Anfang Februar 1947 wurde der große Russlandtransport zusammengestellt und in
Marsch gesetzt, 1.500 bis 2.000 Mann sollen es gewesen sein. Keiner weiß bis
heute genau, wie viele davon wieder zurückgekehrt sind.
Am 19. Juni 1947 wurde ich entlassen. Davor hatten meine Eltern einen Brief,
datiert vom 7.6.1947, vom Vorsitzenden des Landesvorstandes Sachsen der SED Otto
Buchwitz erhalten. Er hatte folgenden Wortlaut:
Werte Familie Urban!
Nach langen Verhandlungen mit der zuständigen Kommandostelle der
Besatzungsbehörde, ist es mir gelungen, eine Zahl inhaftierter Jugendlicher
freizubekommen, darunter auch Ihren Sohn Johannes.
Nun habe ich einen Wunsch an Sie. Diese größere Anzahl der Entlassungen ist ein
Experiment. Führen sich die Entlassenen gut, wird es mir möglich sein, auch die
noch ferner inhaftierten jungen Menschen freizubekommen. Andernfalls müssen
Unschuldige darunter leiden.
Es ist mir von der zuständigen Stelle der Besatzungsbehörde wiederholt
mitgeteilt worden, dass entlassene Jungens sich erneut von den noch rumlaufenden
Nazis einfangen ließen. Diese Elemente, die sich illegal hier aufhalten,
benutzen die jungen unerfahrenen Menschen für ihre dunklen verbrecherischen
Ziele. Ja, man hat bei diesen Jungen auch Waffen gefunden. So wurden sie erneut
verhaftet und die Auswirkung ist, dass es dann für mich unmöglich ist, weitere
Inhaftierte freizubekommen.
Ich ersuche Sie daher, auf Ihren Jungen zu achten, denselben zu veranlassen,
dass er sich der Freien Deutschen Jugend anschließt, um in die Gesellschaft
gleichaltriger neugeistiger Jugend zu kommen.
Mit freundlichem Gruß
Otto Buchwitz
Vorsitzender
| |