Das Bautzen-Komitee trauert um Margot Jann, die nach langer Krankheit am 24. Juli 2026 im Alter von 99 Jahren verstorben ist. Mit ihr verliert die Aufarbeitungslandschaft eine der prägendsten Stimmen der Erinnerung an das Unrecht der sowjetischen Speziallager und des Frauengefängnisses Hoheneck. Zeit ihres Lebens agierte sie leise, bescheiden und freundlich - aber mit einer unbeugsamen Ausdauer gegen das Vergessen. Fast ein Jahrhundert währte ihr Lebensweg, der von tiefen historischen Einschnitten und einer unerschütterlichen Charakterstärke geprägt war.

Margot wurde 1926 in Großröhrsdorf geboren. Hier wird sie zusammen mit vier anderen Jugendlichen im Herbst 1945 unter dem Vorwurf verhaftet, eine faschistische Untergrundorganisation gegründet zu haben, die staatsfeindliche Aktivitäten plant. Nichts davon stimmte; alles basierte auf den Aussagen einer gleichaltrigen Jugendlichen, die sich dafür rächen wollte, dass sie von der Gruppe bewußt nicht zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wurde. Trotzdem wurden die Fünf in einem Schauprozess von einem sowjetischen Militärtribunal zum Tode verurteilt. Zwei werden hingerichtet, die drei anderen werden nach einem Gnadengesuch zu langjährigen Haftstrafen in einem Besserungslager begnadigt. Margot kommt zunächst in das Speziallager nach Bautzen und dann in das Lager nach Sachsenhausen. Sie überlebt die Lager und wird 1950 mit über tausend Frauen und dreißig Kindern in das Frauengefängnis Hoheneck gebracht. Von dort entlassen, lebte sie zusammen mit ihrem Mann Wolfgang, bis zu dessen Tod vor einigen Jahren, in Teltow bei Berlin.

Nach 1989 sucht Margot Jann Kontakt zu ihren ehemaligen Haftkameradinnen. Die aus den alten Bundesländern hatten sich unter der Führung von Maria Stein schon seit den 70ern regelmäßig in Lützelbach im Odenwald getroffen. 1991 gründeten sie in Bautzen den Frauenkreis der ehemaligen Hoheneckerinnen, dessen Vorsitzende sie später wurde und dem anzugehören ich als Mann die Ehre hatte. Was andere Menschen gebrochen hätte, war für Margot Jann Ansporn, das Leid der aus politischen Gründen verfolgten Frauen fest im kollektiven Gedächnis zu verankern. Als Mitbegründerin und Ehrenvorsitzende des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen erstritt sie beharrlich die Entstehung der Gedenkstätte Hoheneck und wehrte zusammen mit Anderen jede Kommerzialisierung dieses Leidensortes ab. Ihre Lebensleistung wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt.

Die Sächsische Landesbeauftragte zur Aufarbeitung der SED-Diktatur - Nancy Aris, beschrieb sie einmal als zurückhaltend und freundlich - aber mit beeindruckender Ausdauer. Sie war eine Mahnerin ohne Bitterkeit und ein Vorbild an Demut. Als Überlebende sowjetischer Speziallager und des Frauengefängnisses Hoheneck war sie eine unersetzliche Zeitzeugin, die der Geschichte ein Gesicht gab. Das Bautzen-Komitee e. V. verneigt sich vor ihrer Lebensleistung und wir werden die Arbeit gegen das Vergessen auch in ihrem Sinne fortführen.

Alexander Latotzky

Vorsitzender